Auf dem Tablet verfolgen, wie mein Gemüse beim Bauer wächst


Stefan Brunner aus dem Berner Seeland ist unter Knospe-Produzenten bekannt für seine innovativen Ideen: So hat er beispielsweise den Jät-Ferrari erfunden. Ein dreirädriges Gefährt, auf dem sich liegend und rückenschonend das Unkraut aus den Biofeldern holen lässt. Mittlerweile sind Brunners Lohntrupps in der ganzen Schweiz unterwegs. Nun hat er die App «Bionär» entwickelt – eine Mischung aus Direktvermarktung, Erlebnis-Agronomie, Gamificaton und Newsfeed. Ziel ist es, den privaten Abnehmer direkt mit seinem Hof zu verbinden.


Wie kam es zur Idee Ihrer App «Bionär»?

Die Idee hatte ich im Herbst 2015. Damals haben wir uns Gedanken gemacht, wie wir unsere Produkte besser direkt vermarkten können. Zugleich wollten wir die Landwirtschaft näher an den privaten Abnehmer rücken. Und das möglichst mit der Technologie von heute. Die Antwort lag am Ende auf der Hand, und wir haben uns an die Entwicklung der App gemacht. Der direkte Zugang zur Landwirtschaft wird nun endlich Web- und Smart Phone-tauglich.



Da fühlt sich auch ein jüngeres Publikum angesprochen.

Genau. Die Generation Y ist digital aufgewachsen. Bist du als Unternehmen nicht digital, gibt es dich nicht. Finden sie dich und du bietest etwas Spannendes, besuchen sie dich gerne auch analog. Da ich mich selber gerne in der digitalen Welt bewege, macht es mir Spass, die «analoge» Landwirtschaft mit in diese Welt zu nehmen.


Wen möchten Sie mit der App erreichen?

Ich möchte zwei Gruppen ansprechen. Zum einen junge, smarte Familien. Die wollen vermehrt wissen, wo das Gemüse herkommt und wie es angebaut wird. Zeigen wir es Ihnen, kommen sie gerne bei uns auf dem Hof vorbei. Die zweite Gruppe sind Köche. Solche, die nicht das 0815-Gemüse suchen, sondern offen sind für das Spezielle. Das kriegen sie bei mir.


Zum Beispiel?

Mini-Gemüse, Korianderwurzel, Sauerklee-Knollen, Cassisholz und noch vieles mehr. Im Schaugarten gleich hinter dem Haus baue ich alles Neue versuchsweise an. Gegen 300 Kulturen aus aller Welt und viele Pro-Spezie-Rara-Sorten.


Und wie funktioniert die App?

Familie Müller oder Meier gebe ich die Konditionen weitgehend vor. Ich entscheide, wann und auf welcher Fläche ich welches Gemüse anbaue. Das wird in diesem Jahr hauptsächlich Lagergemüse sein. In der Folge verkaufe ich den Ertrag Quadratmeter um Quadratmeter zu einem fixen Preis. Lieferung und Lagerung exklusive. Herr Müller oder Frau Meier wählen auf der App, wie viele Quadratmeter sie von welchem Gemüse haben möchten. Via Push-Nachrichten, wöchentliche Fotos und weitere Infos erfahren die «Bionäre», wie sich ihr Rüebli oder ihr Sellerie entwickeln. Wer mag, kann beim Jäten oder der Ernte gerne mit anpacken.


Und bei den Köchen?

Bei den Köchen stossen meine Ideen schon heute auf Gegenliebe. Die Zusammenarbeit wird denn auch sehr viel freier sein. Ein Koch sagt mir, welches Gemüse er haben möchte. Er bestimmt auch, wann ich es ernten und ob ich es vom «Blatt bis zur Wurzel» oder ganz normal liefern soll. Alles ist möglich. Die Köche können den Gästen zudem die Geschichte dahinter erzählen: Auf dem Tablet am Tisch können sie verfolgen, wie «ihr» Gemüse, das sie gleich essen, angebaut wurde. Das schafft Emotionen und einen Bezug zur Bio-Landwirtschaft.


Wo sehen Sie die Vorteile dieser «Quadratmeter-Pacht»?

Die Vorteile liegen auf beiden Seiten: Ich kann besser zu meinen Kulturen schauen und zugleich das Risiko minimieren. Der Kunde bekommt das Gemüse, das er sich wünscht – zu einem Preis, der bei normalem Ertrag nicht über jenem der Grossverteiler liegt. Und er kann live verfolgen, wie sein Gemüse gedeiht. So holen wir die Stadt aufs Land. Der Auslöser ist zwar virtuell, aber ich bin mir sicher, dass viele bei uns auf dem Hof vorbeikommen werden, um sich ihr Gemüse vor Ort anzuschauen.


Was meinen Sie genau mit «Risiko minimieren»?

Das liegt neu beim Kunden. Er reserviert sich zu Beginn der Saison den Ertrag so und so vieler Quadratmeter zu einem vorab bestimmten Preis. Wir sorgen mit vollem Einsatz dafür, dass am Ende möglichst ein hoher Ertrag rausschaut. Doch garantieren kann ich das nicht, da Wetter, Schädlinge und anderes mehr mitspielen. Das ist Landwirtschaft pur.



Wie soll sich Ihre Idee weiterentwickeln?

In diesem Jahr starten wir mit einer halben Hektare, das sind 5'000 Quadratmeter. Je nach Nachfrage nehmen wir Stück für Stück dazu. Angedacht sind auch Webcams, so dass der Kunde jederzeit live auf seinem Feld sein kann. Nach und nach sollen weitere smarte Gadgets dazu kommen.


Ist auch eine Zusammenarbeit mit anderen Knospe-Produzenten denkbar?

Unbedingt. Wir wollen die Idee in der Schweiz verbreiten und nach und nach weitere Knospe-Produzenten dazu nehmen. Die Kunden können dann unter verschiedenen Höfen auswählen. Doch erst müssen wir bei der App alle Kinderkrankheiten ausmerzen. Wir gehen Schritt für Schritt.

Mehr Information auf: www.bionär.ch

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