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25 Jahre Biovalais: «Das Wallis ist ideal für die biologische Landwirtschaft»


Die Bio-Landwirtschaft im Unterwallis mit Obst-, Kräuter- und Weinbau sowie Schaf- und Ziegenhaltung entwickelt sich stetig weiter. Koordiniert werden die Aktivitäten von Biovalais, der Bio Suisse Mitgliedorganisation mit rund hundert Bio-Produzentinnen und -Produzenten und über 200 Gönnerinnen und Gönnern. Präsident Jean-Yves Clavien und Mitarbeiterin Karine Contat erklären im Interview, was im Wallis den Unterschied macht.

Jean-Yves, du bist seit 14 Jahren Präsident – wo setzt Biovalais Schwerpunkte?

In unserem Vorstand ist jeder Sektor vertreten: Der Wein-, Kräuter-, Obst- und Gemüsebau sowie die Schaf-, Ziegen und Geflügelhaltung. Die Milchwirtschaft ist relativ schwach vertreten, weil es im Unterwallis praktisch keine Bio-Molkereien gibt. Wir konzentrieren uns dort auf Schaf- und Ziegenmilch. Was hier im Wallis besonders ist: die zum Teil sehr kleinräumige Aufteilung der Parzellen. Das heisst, wir leben in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Nicht-Bio-Bäuerinnen und -Bauern und arbeiten eng mit ihnen zusammen. Wir sind offen für den Austausch. Ein wichtiges Thema ist zum Beispiel die Abdrift von chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln, die im Bio-Anbau nicht erlaubt sind. 

Derzeit sind wir im Weinbau sehr aktiv. Seit vergangenem Jahr gibt es die Plattform Orientierung Bio für den Walliser Weinbau, welche von der Vereinigung der Walliser Winzer für integrierte Produktion Vitival zusammen mit Biovalais betrieben wird. Heute sind sieben Arbeitsgruppen aktiv, von Fully bis Salgesch. Dort tauschen sich Bio- und ÖLN-Winzerinnen und -Winzer aus, beispielsweise bezüglich Reduktion von Pflanzenschutzmitteln, Bodenbearbeitung und Unkrautbekämpfung. Es gibt bereits einige Landwirtinnen und Landwirte, die da und dort Techniken der biologischen Landwirtschaft anwenden, obwohl ihre Betriebe nicht bio-zertifiziert sind. Und das Interesse nimmt zu. Letztes Jahr zeigten sich sechzig Winzerinnen und Winzer interessiert, dieses Jahr sind es bereits 95! 

Insgesamt gibt es im Wallis rund 600 Berufswinzerinnen und -winzer. Das heisst, dass sich nun ein Sechstel mit der biologischen Landwirtschaft beschäftigt: Die einen wollen auf Bio umstellen, viele sind bereits zertifizierte Knospe-Winzerinnen und Winzer, andere machen mit, weil sie weniger chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel anwenden möchten und entsprechende Techniken kennenlernen wollen. Dazu gehört beispielsweise das Ausbringen von Duftstoffen, welche verhindern, dass die Männchen und Weibchen einer Insektenart zusammenfinden. Dann kommen auch laufend neue Produkte auf den Markt. Die Mitglieder der Arbeitsgruppen führen auch Versuche durch und tauschen sich von Bauer zu Bauer aus.





Wird das Wallis irgendwann komplett auf Bio-Weinbau umstellen?

So weit sind wir noch nicht. Das grösste Problem ist die Bodenbearbeitung. Auf vielen kleinen Parzellen stellt das Unkraut eine hartnäckige Konkurrenz bezüglich Wasser und Nährstoffe dar. Und es ist schwierig, diese Böden zu bearbeiten, insbesondere in steilem Gelände. Wir brauchen praktische Lösungen, die nicht zu teuer sind. Bio ist im Weinbau zwar ein Mehrwert, im Zentrum steht dabei aber ein feiner Wein. Das ist im Obstbau anders: Bei den Äpfeln beispielsweise schätzt man nicht in erster Linie die Walliser Herkunft, sondern dass sie biologisch produziert sind. 

Auch der Bio-Obstbau im Wallis soll sich weiterentwickeln. Im Wallis produzieren wir mehr als die Hälfte des Schweizer Tafelobstes; rund zwanzig Obstbäuerinnen und -bauern produzieren 95 Prozent der Walliser Bio-Früchte. Im Obstbau ist das Interesse an weiteren Bio-Produzentinnen und -Produzenten jedoch weniger ausgeprägt als im Weinbau. Bei einem grösseren Angebot werden hier Preissenkungen befürchtet. Doch im Wallis sind die Bedingungen ideal, um biologisch zu produzieren: Wir haben klimatische Vorteile, es ist trockener als in der Deutschschweiz und einige Pflanzenkrankheiten sind daher weniger stark vertreten. Wenn nicht wir auf Bio umstellen, werden es die Thurgauer tun – der Bio-Obstbauring Ostschweiz wird uns demnächst für einen Austausch besuchen! 

Ich selber bin mit dem Familienunternehmen Frutonic in der Obstverarbeitung tätig. Mein Grossvater gründete das Unternehmen 1928, mein Vater führte es weiter. Die ursprüngliche Idee war, etwas gegen die Überschüsse von Tomaten und Aprikosen zu unternehmen. Heute verarbeite ich vor allem Aprikosen, Äpfel, Williams-Birnen und Erdbeeren zu Saft und Fruchtpurée. Der Bio-Anteil macht derzeit aber nur rund zehn Prozent aus, weil nicht genügend Rohstoffe zur Verfügung stehen.

Karine, wie arbeitet ihr mit der Oberwalliser Biovereinigung zusammen?

Im Oberwallis sind die Strukturen anders: Ihre Schwerpunkte liegen bei der Milchwirtschaft sowie bei der Schaf- und Ziegenhaltung; es gibt auch etwas Getreide- und Obstbau, aber sehr wenig. Wenn immer möglich arbeiten wir zusammen, aktuell vor allem im Bereich der Schaf- und Ziegenhaltung. Dort starten wir demnächst eine gemeinsame Umfrage zur Vermarktung. Wir stellen Fragen zum Anteil der Direktvermarktung und zum Interesse am Aufbau einer Wertschöpfungskette mit den Grossverteilern. Am Landwirtschaftszentrum Visp LZV, dem Kompetenzzentrum für kleine Wiederkäuer, das auch mit dem Forschungsinstitut für biologischen Landbau FiBL zusammenarbeitet, planen wir einen gemeinsamen Infoabend. Ansonsten arbeiten wir auch bezüglich Stellungnahmen zusammen oder treten gemeinsam auf. An der Messe Bio-Agri zum Beispiel waren wir mit einem gemeinsamen Stand präsent.

Biovalais wurde 1993 gegründet, was hat sich seither verändert?

Während wir früher auf uns gestellt waren, zeigt heute der Kanton ein verstärktes Interesse an unseren Aktivitäten. Wir haben seit Kurzem einen dreijährigen Leistungsauftrag, um die Koordination zwischen Unter- und Oberwallis im Bio-Bereich zu stärken und die Interessen des Wallis im Bio-Landbau auf nationaler Ebene zu vertreten. Diesen Auftrag bearbeite ich im Rahmen eines kleinen Teilzeitpensums. Ein Ziel ist unter anderem die Förderung des Anbaus von alten Getreidesorten und der Aufbau einer Wertschöpfungskette. Dazu sind wir bereits mit Produzentinnen und Produzenten sowie mit Bäckereien im Gespräch. Das Projekt steht aber noch ganz am Anfang.

Wie sieht eure Vision aus für die nächsten fünf bis sieben Jahre?

Das Bio-Land Wallis entwickeln! Im Pflanzenbereich, aber auch in der Viehhaltung. Die Klimabedingungen dafür sind gut, weiterentwickelt werden müssen vor allem die Vermarktungskanäle: Wir müssen nicht nur Produzentinnen und Produzenten für die Umstellung auf biologische Landwirtschaft gewinnen, sondern gleichzeitig den Markt entwickeln. Das zeigt der Obstbau: Dort ist nicht die Technik das Problem, sondern der Absatz – die Marktfrage steht an erster Stelle. Die Bio-Entwicklung im Wallis ist stark mit der Marktentwicklung verbunden.

Vielen Dank für das Gespräch!

Weitere Informationen: 

Blogbeitrag mit Reto Müller, Winzer aus Leytron VS und Vorsitzender der Fachgruppe Wein bei Bio Suisse: 

25 Jahre Biovalais: «Das Wallis ist ideal für die biologische Landwirtschaft»

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