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Melanie Ackermann, Teamleader bei Varistor AG: «Der Trend geht in Richtung Doppelzertifizierungen.»

Die Wertschätzung für das Engagement der Bäuerinnen und Bauern in den Herkunftsländern der importierten Produkte liegt Melanie Ackermann besonders am Herzen. Ihr Arbeitsalltag als Teamleader Trockenfrüchte und Nüsse bei der Beschaffungsfirma Varistor AG in Neuenhof bei Baden AG ist vielseitig: Während beispielsweise am Morgen ein Austausch mit einem Kunden aus der Schweiz auf dem Programm steht, der Produkte aus Usbekistan braucht, bespricht sie sich am Nachmittag mit einem langjährigen Partner aus der Türkei. «Ich kann mit dem, wofür mein Herz schlägt, nämlich Lebensmittel, tagtäglich im Kontakt sein, auch wenn ich das Produkt nicht immer in der Hand habe», sagt sie. Melanie Ackermann erklärt im Interview unter anderem anhand von Beispielen aus der Türkei, Ghana und Italien, wo für die Varistor AG die Herausforderungen liegen und warum der Trend in Richtung Bio und Fairtrade geht.


Welche Rolle hat die Varistor AG in der Wertschöpfungskette?

Wir verstehen uns als Beschaffungspartner für die Chemie- und Lebensmittelindustrie und den Detailhandel. Unsere Produkte im Food-Bereich sind haltbar, das heisst sie sind getrocknet, in Form von Purée, Konzentrat oder gefroren. Wir bringen diese vom Produzenten im Ursprungsland zum Kunden in der Schweiz und verstehen uns dabei als Dienstleister in den Bereichen Logistik und Qualitätssicherung sowohl für die Kunden, als auch für die Produzenten. Unsere Kunden stammen aus der verarbeitenden Lebensmittelindustrie: Das fängt an bei Milchverarbeitern über die Backwarenhersteller bis zu Abpackern; auch kleinere Bäckereien, Riegelhersteller und Müesliverarbeiter gehören dazu. Wir sind eigentlich nichts anders als der verlängerte Arm unserer Produzenten im Ursprungsland. Wir verkaufen keine Varistor-Produkte. Wir verkaufen die Produkte unserer Produzenten aus Afrika, Asien, Süd- und Mittelamerika sowie Südeuropa.


Welche Dienstleistungen bietet Varistor AG den Partnern vor Ort?

Wir arbeiten mit den Produzenten in den Ursprungsländern direkt zusammen. Entsprechend sind es für uns mehrheitlich nicht mehr nur Produzenten, sondern sie werden zu Partnern. In der Türkei zum Beispiel ist ISIK für uns ein wichtiger Partner, von dem wir grosse Volumen an Produkten beziehen. Er kann eine grosse Palette an türkischen Produkten in Knospe-Qualität liefern, beispielsweise Aprikosen, Feigen, Sultaninen, Haselnüsse und Maulbeeren. Mit ihm arbeiten wir schon seit über zwanzig Jahren zusammen. Wir unterstützen ihn, um nach den Richtlinien von Bio Suisse zu produzieren. Der Produzent war bereits vorher in der Bio-Produktion tätig. Der Schritt zur Knospe war dann nicht mehr gross. Solche Projekte lancieren wir, wenn wir sehen, dass es in der Schweiz einen Bedarf nach Knospe-Produkten gibt und wir einen valablen Partner haben, der gewillt ist, diesen Zusatzaufwand neben der herkömmlichen Bio-Zertifizierung zu leisten.


Welche Unterstützung hat die Varistor AG bei diesem Projekt in der Türkei geleistet?

Wir pflegen einen sehr engen Know-how-Austausch. Wir erklärten, was die Produktion und Verarbeitung gemäss den Bio Suisse Richtlinien bedeuten. Wir standen dem Partner wo nötig mit finanzieller Unterstützung zur Seite und gewährten beispielsweise einen Vorschuss der Zertifizierungskosten oder garantierten Abnahmemengen, damit der Produzent wusste, dass sich eine Investition rechnete.


Bei der Produktentwicklung gestalten Sie mit. Wie läuft das ab?

Das ist sehr unterschiedlich: Es kommt drauf an, woher die Initiative kommt. Manchmal fragt der Kunde nach, ob wir ein bestimmtes Produkt in Knospe-Qualität haben. Oder aber der Produzent kommt auf uns zu und bietet es uns nicht nur in Bio, sondern auch in Knospe-Qualität an. Oder aber wir sehen ein Bedürfnis am Markt und sagen, okay, da müssen wir ein Projekt lancieren. Dann überlegen wir uns, welcher Partner dafür in Frage käme. Oder allenfalls suchen wir uns sogar einen neuen Partner als Ergänzung, um ein Projekt umzusetzen. Weltweit arbeitet die Varistor mit rund sechzig Lieferanten zusammen. Rund fünfzig Prozent der Produkte sind Bio-Produkte, etwa 15 Prozent ist Fairtrade, der Rest konventionell. Unsere Produzenten können in der Regel alle Qualitäten anbieten. Achtzig Prozent unserer Bio-Produzenten liefern auch Produkte, die gemäss den Richtlinien von Bio Suisse produziert werden. Wenn wir mit einem neuen Partner zusammenarbeiten, achten wir darauf, dass er möglichst schon Bio-Produkte führt.


Wie sieht die Situation bezüglich Fairtrade-Produkten aus?

Die Varistor startete ihr Fairtrade-Engagement vor rund zehn Jahren. Wir überlegten uns, welche Produkte wir aufgrund der Marktbedürfnisse in Fairtrade-Qualität anbieten wollten. In der Türkei lancierten wir 2014 zusammen mit unserem Partner ISIK das «Happy Hazelnut Project». Kernziele davon sind die Prävention von Kinderarbeit, eine generelle Verbesserung der Lebensverhältnisse der Wanderarbeiter und ihrer Familien, faire Entlohnung, garantierte Rückverfolgbarkeit der Haselnüsse bis zum Bauern und die Förderung nachhaltiger Agrarpraktiken. Wir können garantieren, dass diese Haselnüsse aus einem sozial korrekten Prozess in die Schweiz transportiert werden.


Wohin entwickelt sich der Trend?

Fairtrade wächst. Und auch bezüglich Doppelzertifizierung für Bio und Fairtrade ist ein grosses Wachstum da, während konventionell produzierte Produkte eher abnehmen und die klassischen Bio-Produkte ohne Fairtrade etwa gleichbleiben. Der Anteil an Bio-Produkten nimmt jedoch dank den Doppelzertifizierungen tendenziell zu. Und das macht Sinn: Heute wollen Konsumentinnen und Konsumenten wissen, woher ihre Ware kommt und was sie mit dem bezahlten Mehrpreis im Ursprungsland Positives bewirken können. Die Kombination von sozialen Aspekten und Ökologie ist ein Trend, den wir feststellen und der verstärkt eingefordert wird.


Wie wichtig ist Bio für das Image von Varistor AG?

Ganz gross: Die Varistor ist vor allem durch den Bio-Aspekt gewachsen, der schon sehr früh eingebracht wurde. Wir stellen heute fest, dass Kunden, die wir mit Bio-Ware beliefern, nicht wissen, dass wir auch konventionelle Ware anbieten können. Wir sind quasi als Bio-Zulieferer im Gedankengut unserer Kunden verankert. Für uns ist Bio der Hauptaspekt. Die Varistor entstand vor rund dreissig Jahren als eine Ländervertretung der Worlée NaturProdukte GmbH in Hamburg. Unser damaliger Geschäftsführer Urs Iselin erarbeitete sich schnell einen guten Namen als Vertreter und fing dann an, den Bio-Gedanken aufzugreifen. Er spürte sehr früh, wo der Weg hingehen muss. Und vor rund zehn Jahren wiederholte sich das mit Fairtrade, dem nächsten Trend.


Ist Varistor AG nur in der Schweiz tätig?

Nein, wir haben angefangen, etwas über den Tellerrand hinauszuschauen, ins nahe Umfeld. Wir sind überzeugt, dass wir gerade mit den eigenen Projekten ganz tolle Produkte auch ausserhalb der Schweiz weiterverkaufen könnten, beispielsweise in Italien, Frankreich, den Benelux-Ländern, eigentlich allgemein im nahen Europa.


Wie wird sich der Bio-Bereich bei der Varistor AG weiterentwickeln?

Bei jedem neuen Produkt, das mit einem Projekt oder Partner in Verbindung steht, möchten wir bezüglich Bio und Fairtrade etwas erreichen. Wir sehen und spüren das Marktbedürfnis. In Ghana zum Beispiel arbeiten wir mit einem sehr guten Verarbeiter zusammen, der getrocknete Fairtrade-Mangos produziert. Mit ihm sind wir schon seit mehreren Jahren im Aufbau der Bio-Produktion. Dank unserer Unterstützung wird er nun im Januar 2019 seine ganze Produktpalette in Bio-Qualität und gemäss Fairtrade-Standard anbieten. Der nächste Schritt ist dann die Knospe-Zertifizierung. Das Vorhaben bedeutet für ihn eine grosse Investition: Er baute einen neuen Produktionsteil und investierte in zusätzliche Ananas- und Mango-Plantagen, die auf die Produktion nach Bio Suisse Richtlinien umgestellt werden können. Das Produkt wird komplett separiert verarbeitet und getrocknet.


Wo liegen die Herausforderungen für die Varistor AG?

Für uns als Inverkehrbringer von Bio-Lebensmitteln liegt die Herausforderung darin, dass wir den Mehrwert von Bio auch weiterhin hochhalten und verkaufen wollen, und ihn den Konsumentinnen und Konsumenten nahebringen müssen. So, dass diese auch merken, was der Unterschied von einem Bio-Produkt zu einem konventionellen ist. Wir leben ja nicht auf einem Bio-Planeten! Wir haben auch sehr starke Einflüsse, welche die Bio-Produktion immer wieder vor neue Herausforderungen stellt, wie beispielsweise Rückstände von Pestiziden oder Schwermetalle in Böden. Man kann nicht isoliert produzieren. Und die Grenzwerte sind extrem tief angesetzt und in der Zwischenzeit sind Rückstände auch in sehr tiefen Konzentrationen nachweisbar.


Welches sind Ihre Wünsche an Bio Suisse?

Wir stehen grundsätzlich hinter Bio Suisse. Was wir einfordern, ist eine Stringenz in der Entscheidungsfindung. Manchmal gibt es die eine oder andere Entscheidung, die für uns nicht ganz nachvollziehbar ist. Bio Suisse soll sich bewusst sein, dass auch die Zusammenarbeit mit den Produzenten im Ursprungsland nachhaltig gestaltet werden sollte. Denn es handelt sich um Partner, die wir überzeugen konnten, Knospe-Qualität zu produzieren, und die das dann auch mit grossem Engagement tun. Sie bemühen sich darum, dass ihre Ware den Anforderungen entspricht. Genauso wie die Bäuerinnen und Bauern in der Schweiz, leisten auch jene in den Ursprungsländern sehr viel. Dort wünschte ich mir manchmal mehr Commitment von Bio Suisse.


Könnten Sie das an einem Beispiel erläutern?

Jedes Jahr werden wir vor die Herausforderung gestellt, wie viele Äpfel in Knospe-Qualität aus Italien wir tatsächlich in die Schweiz bringen dürfen. Das wird davon abhängig gemacht, wie es mit den Schweizer Äpfeln steht. In unserem Fall geht es um getrocknete Äpfel in Form von Würfeln, Spänen oder Mehl, die für die Weiterverarbeitung eingesetzt werden und die in der Schweiz nicht im gleichen Umfang und in gleicher Qualität hergestellt werden können. Wir brauchen die Zusage und die Bestätigung, dass die Arbeit, die unsere Partner im Ursprungsland zur Erreichung der Knospe-Qualität geleistet haben, berechtigt ist und nachhaltig unterstützt wird. Dieses Engagement der Bäuerinnen und Bauern im Ursprungsland ist äquivalent zu demjenigen der Bäuerinnen und Bauern in der Schweiz. Das Herzblut und das Engagement sind das gleiche, da gibt es keinen Unterschied. Diese Bäuerinnen und Bauern sollen nicht aussen vor gelassen werden, nur weil sie nicht in der Schweiz zu Hause sind.


Was bedeuten Ihnen Bio-Produkte persönlich?

Ich kann nicht sagen, dass mein ganzer Haushalt aus Bio-Produkten besteht, aber Bio ist mir ein wichtiges Anliegen. Wir sind Mitglied bei einer tollen Milchkooperative, welche Knospe-Milch verarbeitet: der Basimilch in Dietikon. Gegründet wurde diese, weil die Menge der Knospe-Milch zu gering war, um separat eingesammelt zu werden. Somit entstand die Idee, die Milch nicht mehr als konventionelle Milch abzugeben, sondern diese auf dem Hof selber mit Hilfe der Kooperative zu verarbeiten. Wir haben ein Milch-Abo und engagieren uns als Familie auf dem Bauernhof.



Vielen Dank für das Gespräch!





 Melanie Ackermann, Teamleader bei Varistor AG: «Der Trend geht in Richtung Doppelzertifizierungen.»

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