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Freilandhaltung: So ist es der Sau wohl!


Auf dem 43 Hektaren grossen Hof am Schwarzbach in Buchenloo, Wil ZH, betreiben Marianne und Werner Siegrist Schweine- und Schafzucht sowie Ackerbau. Einen Schweinestall sucht man hier vergeblich – die Tiere leben im Freiland. Den 23 Muttertieren, drei Ebern und den Jungtieren ist es dort wohl, wie Bio-Landwirtin Marianne Siegrist im Interview erklärt.


Sie halten Ihre Schweine im Freiland. Das ist auch auf Knospe-Höfen nicht der Standard: Wieso haben Sie sich für diese Haltungsform entschieden?

Wir haben keinen Schweinestall. Bereits vor zwanzig Jahren hielten wir Mastschweine im Freiland, im Rahmen eines Programms von Coop. Nach ein paar Jahren hörten wir damit wieder auf. Als wir 2012 auf Bio umstellten, wollten wir neben unseren Freiland-Schafen noch weitere Tiere halten. Wir dachten zuerst an die Schweinemast. Danach wandten wir uns an die von der Bio-Futtermühle Albert Lehmann ins Leben gerufene Produzentengemeinschaft Bioschweine und kamen aufgrund der Nachfrage zur Schweinezucht. Dass wir die Tiere im Freiland halten wollen, war für uns von Anfang an sonnenklar, der Bau eines Stalls kam nicht in Frage. Wir hatten ja bereits Erfahrungen mit der Freilandhaltung gemacht: Den Schweinen ist es draussen wohl. Dazu kommt: Die Investitionen sind gering, wir könnten jederzeit wieder aufhören damit, falls es nicht funktionieren würde. Um uns mit der Haltung von Muttertieren im Freiland vertraut zu machen, besichtigten wir unter anderem den Gutsbetrieb der Strafanstalt Witzwil im Berner Seeland, ein Pionier in der Freilandschweinehaltung. Wir sprachen auch mit anderen Züchtern. Wichtig für unsere Schweine ist unter anderem, dass sie gut gehen können – darauf achten wir bei der Auswahl der Eber besonders.


Wie sieht die Freilandhaltung konkret aus?

Die Schweine haben bei uns doppelt so viel Platz wie vorgeschrieben. Wenn es viel regnet, bleibt damit der Acker länger schön, die Sauerei ist geringer. Die Flächen müssen mit Gras oder Klee bewachsen sein. Die Schweine weiden dann wie Kühe. Natürlich: Eine Sau liegt auch viel herum, aktiv sind die Tiere vor allem abends. Am Morgen halten sie sich gerne in Gruppen von vier bis fünf Muttertieren in ihren Jurten auf, die wir in der Mitte der Flächen platzieren. Diese Hütten haben wir aus Drahtgittern alter Silos mit Dach sowie aus Vlies und Blachen gebaut. Der Eingang ist immer offen und gegen Süden ausgerichtet, so dass der Wind nicht hineinbläst. Denn wo die Tiere schlafen, muss es trocken, ruhig und windstill sein – so ist es der Sau wohl! Am Zaun vorne gibt es Futter und Wasser, in der Mitte des Feldes stehen die Hütten und ganz hinten ist der Platz zur Beschäftigung und das Suhlen. Ihren Kot verteilen die Schweine vor allem beim Gehen. In den Hütten, beim Futter und beim Wühlen bleibt es weitgehend kotfrei – die Sau ist ein intelligentes, schlaues und sauberes Tier.


Wo finden die Geburten statt?

Dafür haben wir in unserem alten Kuhstall die Anbindeeinrichtung herausgerissen, den Boden neu gemacht und Boxen installiert. Dort bleiben die Muttertiere mit ihren Ferkeln drei Wochen lang, danach lassen wir sie ins Freiland, wo wir sie in Gruppen von vier Muttertieren mit ihren Ferkeln halten. Die separate Fütterung funktioniert im Freiland nicht: Die Jungen fressen dasselbe wie ihre Mütter. Nach sechs Wochen gilt es, die Ferkel abzusetzen. Die Muttertiere führen wir dann auf eine andere Parzelle, wo sie noch etwa einen Tag lang nach ihren Jungen suchen – das ist normal. Vier bis fünf Tage nach dem Absetzen sind sie dann bereits wieder rüssig.


Worin liegen die Vorteile der Freilandhaltung für Sie und für Ihre Schweine?

Ich behaupte, dass die Tiere im Freiland gesünder sind. Sie sind draussen am Licht und an der Luft und können ihr natürliches Verhalten ausleben. Mein Mann ist Mitglied in einem Arbeitskreis für Schweinehalter. Der Austausch mit Berufskollegen und Tierärzten zeigt uns die Probleme auf, die in Stallungen auftreten können. Unsere Tiere sind einfach gesund. Wir haben kürzlich unseren viereinhalb Jahre alten Eber geschlachtet. Dieser lebte seit seiner dritten Lebenswoche im Freiland und litt nie an einem Gesundheitsproblem. Damit reduzieren sich natürlich auch unsere Tierarztkosten. Ein weiterer Vorteil der Freilandhaltung ist, dass die Schweine den Acker einer Unkrautkur unterziehen: Sie fressen die Wurzeln tief aus dem Boden, zum Beispiel von Schnürgras. Was zur Freilandhaltung auch zu sagen ist: Diese bedeutet sicher mehr Aufwand als die Stallhaltung, weil wir jeden Tag aufs Feld gehen. Zudem müssen wir nach jeweils rund sechs Monaten die Infrastrukturen von einer Parzelle auf die andere zügeln, was ebenfalls mit Aufwand verbunden ist.

Die Freilandhaltung braucht viel Land: Was empfehlen Sie Kolleginnen und Kollegen, die ihren Bio-Schweinen keinen so grosszügigen Auslauf anbieten können?

Zuerst müssen sich die Betriebsleiterinnen und -leiter fragen, ob sie die Freilandhaltung wirklich wollen. Danach stellt sich die Frage, was machbar ist. Generell eignet sich die Freilandhaltung von Schweinen eher im Ackerbaugebiet. Denn der Acker lässt sich nach der Nutzung durch die Schweine mit Kompost und Pflug relativ rasch wieder in ein normales Feld verwandeln. Die Schweinehaltung lässt sich auch in die Fruchtfolge integrieren: Die Kulturen, welche auf die Schweine folgen, gedeihen in der Regel prächtig. Grasland eignet sich dagegen weniger für die Freiland-Schweinehaltung, weil es länger dauert, bis sich eine Wiese erholt. Ein Graslandbetrieb arbeitet deshalb wahrscheinlich besser mit einem Auslauf für die Tiere.


Wie vermarkten Sie Ihre Schweine?

Unsere Abnehmer sind vorwiegend Schweinemäster, die Vermarktung erfolgt dann via Produzentengemeinschaft Bioschweine an Micarna. Zweimal pro Jahr mästen wir rund zehn Tiere pro Jahr für unsere Privatkundschaft. Hälften, Viertel oder Achtel verkaufen wir in Form von Mischpaketen. Dafür arbeiten wir mit einer kleinen Metzgerei in Neerach ZH zusammen. Wir führen unsere Tiere selber dorthin. Der Transport ist stressfrei, die Tiere laufen praktisch selber in die Metzg hinein. Der Metzger schneidet das Fleisch nach dem Schlachten des Tieres in Stücke, ich übernehme die Verpackung. Das Bestellformular findet man auf unserer Website. Wir haben keinen Hofladen, die Kundinnen und Kunden kommen das Fleisch bei uns auf dem Betrieb abholen. In der Nachbarschaft liefern wir die Mischpakete zum Teil auch nach Hause.


Ist es für Sie nicht schwierig, die eigenen Tiere in die Metzgerei zu bringen?

Am Anfang war es gewöhnungsbedürftig, es tat mir weh. Heute sehe ich das anders: Das ist der Kreislauf, und so muss es sein. Ein Tier kommt bei uns auf die Welt, wir füttern es, hegen und pflegen es, und am Ende gehen wir mit ihm zum Metzger. Ich spreche mit den Tieren, sage ihnen auch, wenn es dann soweit ist: «Süggel, heute gehen wir in die Metzg!» Ich kann dann auch ohne Probleme beim Schlachten zuschauen und dabei sein, bis das Fleisch am Haken hängt. Wir essen die Tiere auch selber. Es gibt Leute, die das nicht können. Doch wenn man Fleisch essen will, gehört das dazu.

Beliefern Sie auch die Gastronomie oder Bio-Läden?

Restaurants beliefern wir im Moment nicht, eventuell kommt das noch. Die Umstellung auf die Knospe-Produktion gab viel zu tun. Mit Mehl, Körnern, Öl und Lammfleisch beliefern wir den BachserMärt in Bachs, Eglisau und die drei Filialen in Zürich.

Was wünschen Sie sich von Konsumentinnen und Konsumenten?

Dass sie Bio-Fleisch kaufen. Auch wenn sie das Gewünschte beim Grossverteiler nicht in Bio-Qualität finden, sollen sie zum Beispiel auf der Knospehof-Website nachschauen und auf einem nahen Bio-Betrieb nachfragen, anstatt konventionell produziertes Fleisch zu wählen. Ein Bio-Lebensmittel ist besser, nahrhafter. Zudem muss man nicht jeden Tag Fleisch essen: Lieber qualitativ hochstehendes Fleisch geniessen, und dafür weniger davon konsumieren. Oft ist es direkt ab Hof noch günstiger zu erwerben als im Laden. Wenn man etwas direkt auf dem Betrieb kauft, dann erhält man ein gutes und frisches Produkt.


Welche Reaktion bekommen Sie auf die Freilandhaltung der Schweine?

Wir erhalten viele Reaktionen! Die Hälfte unseres Betriebs liegt in Deutschland. Dort sieht man sonst keine Schweine im Freiland. Die Menschen staunen, wie gross ein Muttertier ist und wie klein ein Kleines. Verkaufen können wir ihnen jedoch kein Knospe-Schweinefleisch, das ist dort zu teuer. Auf der Schweizer Seite kommen viele Kundinnen und Kunden, aber auch Spaziergängerinnen und Spaziergänger. Am Sonntag sieht es bei uns manchmal aus wie im Zoo!


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