Familie Zollinger, die Samenpioniere: «Es ist die Leidenschaft, die uns antreibt»

29. April 2019



Seit über 30 Jahren engagiert sich die Familie Zollinger für den Erhalt der Sortenvielfalt im Garten. Hinter jeder ihrer 450 Sorten steckt aufwändige Züchtungsarbeit.



Trotz des nahenden Frühjahrs liegt das Rohnetal noch im Winterschlaf. Einsam, mitten auf der Ebene steht das Gehöft der Familie Zollinger. Weit dahinter am Horizont lässt sich die Rohne-Mündung in den Genfersee erahnen. Das Haus scheint unbewohnt, die Treibhäuser sind leer, die Böden brach. Unermüdlich rüttelt der scharfe Wind an den alten Fensterläden und bläst gegen die Plastiktunnels. Auf diesem Stück Land hatten sich vor bald 30 Jahren Christine und Robert Zollinger niedergelassen, um Saatgut zu vermehren. Sie wollten damit die Sortenvielfalt in den Schweizer Gärten erhalten und Gegensteuer geben zur modernen Hybridzüchtung der Agrarindustrie. Ist ihr Plan etwa gescheitert?

Der Schein trügt. Wie die ausgetrocknete Hülle eines Samen das Leben einer ganzen Pflanze – ja, die Zukunft einer ganzen Pflanzenart – in sich trägt, verbergen die Steinmauern des alten Hofes die Vorbereitungen auf eine neue, blühende Gartensaison: Im Erdgeschoss verpacken, datieren und etikettieren fleissige Hände die Saatgutlieferungen, während ein Stockwerk weiter oben kluge Köpfe über den Anbau- und Züchtungsplänen brüten. Es sind die Söhne von Christine und Robert Zollinger, die vor 3 Jahren das Zepter in Les Evouettes übernommen haben: Tulipan, Tizian und Til Zollinger, der Genetiker, der Pflanzenzüchter und der Betriebswirtschafter. Auch Falc, der jüngste Zollinger, möchte nach seinem Gartenbau-Studium ins Familienunternehmen einsteigen.


Saatgutvermehrung ist kein Kinderspiel

«Wir vermehren nach den Richtlinien von Bio Suisse rund 450 Pflanzensorten und -arten und müssen – weil Saatgut mehrere Jahre keimfähig bleibt – jedes Jahr rund 250 davon wieder anbauen», erklärt Till Zollinger. Entsprechend komplex sieht der Anbauplan aus, der bestimmt, welche Kultur wo zu stehen kommt. Denn es gibt Pflanzen wie Kürbisgewächse oder Mais, die sich untereinander kreuzen und deren einzelne Sorten darum in entsprechender Distanz zueinander angebaut werden müssen. Dann gibt es Pflanzen wie viele Salate oder Blattgemüse, die im Gewächshaus angebaut werden müssen, weil ihre Samen im Regen schimmeln könnten – die aber gleichzeitig auch im Freiland gedeihen müssen, damit die Züchter unter realen Bedingungen die widerstandsfähigsten Pflanzen auslesen können. Und dann gibt es wiederum die zweijährigen Pflanzen wie Randen oder Rüebli, die erst im zweiten Jahr blühen. Diese werden bei Zollingers im Herbst ausgegraben und im Frühling zum Versamen in ein anderes Beet gepflanzt. Dazu kommen schliesslich noch all die einschränkenden Kriterien der Fruchtfolge, an denen sich die Hobbygärtner jedes Jahr den Kopf zerbrechen: Auf die Pflanzenfamilien gilt es genauso zu achten wie auf den Nährstoffbedarf einer Pflanze und die Wechselwirkungen unter den verschiedenen Arten. Kurz: Was die Zollinger-Söhne im Winter hinter den Steinmauern ihres alten Hauses entwerfen, ist fast ebenso komplex wie der genetische Bauplan im Innern eines Samens mit all seinen perfekt aufeinander abgestimmten Erbinformationen.


Süsse Tomaten und bitterfreie Gurken

Der Anbauplan ist die Basis, um reines und keimfähiges Saatgut zu erhalten. Die Zollinger-Brüder wollen aber mehr: «Wir möchten die Eigenschaften der Sorten kontinuierlich verbessern», erklärt Til Zollinger. Das erreiche man mit der Selektionszüchtung – das heisst, indem man nur die Samen der Pflanzen mit den besten Eigenschaften weiterverwendet. «Einige Arten wie die Gurke oder die Tomate lassen sich so erstaunlich schnell in ihren Eigenschaften verbessern», führt Til Zollinger aus. Was im Umkehrschluss aber auch heisse: Eine Sorte kann degradieren, wenn man wahllos ihre Samen weiterverwendet. Die Gurke zum Beispiel tendiere dazu, immer wieder zurück in die Bitterkeit zu fallen. «Zum Glück erkennt man das schon am bitteren Keimblatt – so können wir diese Pflänzchen schon früh entfernen», berichtet er. Besonders stolz ist der zweitjüngste Zollingerspross auf die Erfolge, die sein Bruder Tizian mit der Ochsenherz-Tomate erreicht hätte. «Geschmacklich sind die nicht zu vergleichen mit den Ochsenherzen, die im Grossverteiler erhältlich sind. Sie sind viel aromatischer und süsser – als wäre es eine andere Sorte», schwärmt er. Auch so genannte «Fehler» wie unregelmässiges Ausreifen oder schwarze Nasen könne man bei den Tomaten mit einer geschickten Selektion minimieren.

«Selektion» ist aber schneller gesagt als getan. Die Gebrüder Zollinger müssen dafür ihre Pflanzen – also 250 mal 100 bis 200‘000 Individuen – von jung auf beobachten, alles notieren, einige Arten ausgraben und wieder eingraben oder mit der Erde verpflanzen. «Die schlechtesten Pflanzen, etwa 10 Prozent, entfernen wir und die allerbesten 5 Prozent verwenden wir für das Basissaatgut, das wir zur Vermehrung im nächsten Jahr selbst wieder aussähen werden», erklärt Til Zollinger. Die Samen der restlichen 85% Pflanzen kommen in den Verkauf.


Winterblumenkohl aus eigener Züchtung

Als wäre das Markieren und Umpflanzen nicht bereits Aufwand genug, üben sich die Zollinger-Brüder gerne auch in der Kreuzungs-Züchtung. So ist es ihnen zum Beispiel gelungen, einen Winterblumenkohl zu züchten, der den kompakten, weissen Kopf eines modernen Blumenkohls aufweist und gleichzeitig als Winterkultur angebaut werden kann. Damit haben die jungen Züchter die alte Anbauform des Blumenkohls, die kaum von der weissen Fliege befallen wird, wegen ihrer losen, gelblichen Köpfe aber praktisch aus den Gärten verschwunden ist, zu neuem Leben erweckt. Acht Jahre haben sie dafür investiert – eine Arbeit, die sie nie und nimmer mit dem Saatgutverkauf entschädigen können. «Es ist die Leidenschaft, die Freude an der Sortenvielfalt, die uns antreibt», sagt Til Zollinger und schlägt den Katalog 2019 auf. 162 Seiten voller Kräuter-, Blumen- und Gemüsesorten strahlen einem entgegen. Man schliesst die Augen und stellt sich das Leben rund um das Steinhaus im Sommer vor, wenn eine bunte Vielfalt an Pflanzen in den Beeten und Treibhäusern steht und in abertausenden Blüten die Samen für die Gartensaison 2020 heranwachsen.



In den 80er Jahren, als die alten Gemüsesorten nach und nach aus den Gärten und Feldern verschwanden, begannen Christine und Robert Zollinger besorgt um den laufenden Verlust im Thurgau Saatgut zu vermehren. Aus der kleinen Samengärtnerei wuchs ein stattliches Familienunternehmen heran, das mittlerweile in zweiter Generation von den Söhnen Tulipan, Tizian und Til Zollinger auf dem 30 Hektaren grossen Betrieb in Les Evouettes geführt wird. Rund 450 bewährte Pflanzensorten umfasst der aktuelle Katalog, jährlich kommen Neuzüchtungen und Wiederentdeckungen dazu. www.zollinger.bio


Wie biologisch kann Saatgut sein?


Im Biolandbau darf kein gentechnisch verändertes und kein mit Fungiziden und Insektiziden behandeltes Saatgut verwendet werden. Über diese allgemeine Bio-Vorschriften hinaus fordern die Richtlinien von Bio Suisse, dass Biobauern wenn immer möglich Saatgut verwenden, das auf Biobetrieben vermehrt worden ist. Zudem soll das Saatgut möglichst aus «biologischer Pflanzenzüchtung» stammen. Darunter versteht Bio Suisse die Züchtung neuer, speziell auf den Biolandbau ausgerichteter Sorten; etwa Sorten, die auch unter kargen Bedingungen einen guten Ertrag liefern. Zudem dürfen diese Sorten nicht mit künstlichen Eingriffen in die Zelle gezüchtet werden. Bio Suisse setzt sich politisch und mit Fördergeldern dafür ein, dass der Landwirtschaft künftig mehr Sorten aus «biologischer Pflanzenzüchtung» zur Verfügung stehen.
Teilen