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Auf der Durststrecke den Mut behalten


Stefan Krähenbühl führt einen stattlichen Hof. Seine Weiden und Äcker erstrecken sich dem Murtensee entlang vom Freiburgischen Greng bis an den südlichen Stadtrand von Murten. Unter der Märzensonne rupfen hier 40 Kühe und ein Stier im Takt Grasbüschel und Kräuter von der Weide.

Weiter unten geniessen die Pferde die Frühlingsluft. Auf den Äckern in Richtung Stadt wurden eben Kartoffeln gesetzt und bald spriessen dort auch die Stauden der Süsskartoffel aus dem Boden. Seit dem 1. Januar wächst hier auf dem Hof am Murtensee (www.hofammurtensee.ch) alles in Bio-Knospe-Qualität.

Vor zwei Jahren hat die Familie Krähenbühl ihren Landwirtschaftsbetrieb auf die Richtlinien von Bio Suisse umgestellt. Nach dieser Umstellzeit ist der Hof nun ein Vollknospe-Betrieb. Für den Neo-Bio-Bauern war es eine Durststrecke: Er musste die oft teureren Inputs wie Bio-Futter verwenden und einen Rückgang der Erträge in Kauf nehmen, aber die Milch zum Beispiel konnte er nur zu einem tieferen, konventionellen Preis verkaufen. Für Umstellungsprodukte gibt es praktisch keinen Absatz. Diese Durststrecke haben Krähenbühls nach den zwei Umstellungsjahren hinter sich – so haben sie zumindest im letzten Jahr noch gedacht.

Doch weil in der Schweiz in den letzten Jahren erfreulich viele Bauern auf Bio umgestellt haben, ist die Bio-Milchmenge stärker gewachsen als die Nachfrage. Darum gibt es nun Wartelisten für Betriebe, welche die Umstellung hinter sich haben und eigentlich Bio-Milch liefern könnten. Insgesamt soll das den Markt stabilisieren, während die Branche gleichzeitig den Verkauf weiter ankurbeln will. Auch Krähenbühls sind auf einer solchen Warteliste.

„Ich habe eigentlich damit gerechnet, dass ich künftig etwas länger schlafen kann“, erklärt Stefan Krähenbühl. Geplant gewesen sei, dass ein Lastwagen seine Bio-Milch einmal täglich direkt vom Hof abholt und er am Morgen nicht mehr um viertel nach sechs in die Käserei fahren muss. Und natürlich hätte er für die Bio-Milch auch einen deutlich besseren Preis erhalten als in der alten Käserei, wo seine Milch nach wie vor zu konventionellem Käse verarbeitet wird. Ein bisschen habe man mit diesen Wartelisten jedoch rechnen müssen, erklärt der diplomierte Landwirt und studierte Agronom.

Im Jahr 2018 habe Coop das 25-jährige Jubiläum von Naturaplan gefeiert. Das hätte wegen der zahlreichen Marketingaktivitäten zu einer starken Nachfrage nach Bio-Knospe-Produkten geführt. Diesen Effekt gebe es nun nicht mehr, da Coop Naturaplan immer noch bewerbe, aber halt nicht mehr so stark. Er habe sich deshalb Ersatzstrategien zurechtgelegt. Einen Drittel seiner Milch konnte er trotz Warteliste im Bio-Milchkanal platzieren: ein Käser in der Region war auf der Suche nach silofreier Bio-Milch, weil sein Exportgeschäft floriert. Zudem versucht die Familie Krähenbühl ihre Milch vermehrt direkt in der Gastronomie und in Fachgeschäften der Region zu vermarkten. Der Dorfkäser verarbeitet die Bio-Milch im Lohn zu Käse, Jogurt und Pastmilch und die Familie Krähenbühl putzt die Klinken bei möglichen Kunden.



Die Nachfrage sei eigentlich erfreulich gut. Viele Gastronomen und Fachhändler wie etwa Metzgereien sähen in regionalen Bioprodukten eine Chance, würden sie speziell ausloben und könnten sich damit im Markt abheben. Inzwischen vermarkten Krähenbühls 10 Prozent ihrer Milchmenge, also etwa 28'000 Liter im Jahr, direkt. „Zum Glück haben wir unseren Betrieb schon seit Jahren auf Vollweide ausgerichtet und Kühe gezüchtet, die praktisch ohne Kraftfutter viel ursprüngliche Milch geben und gesund bleiben“, erklärt Stefan Krähenbühl. Das könne er nun als zusätzliches Vermarktungsargument verwenden. Die Direktvermarktung baut der Bio-Bauer auch bei seinen Kartoffeln und Süsskartoffeln aus, so öffnen sich ihm nebst dem Grosshandel weitere Absatzkanäle.

Im Gegenzug müssen die Betriebsleiterfamilie und ihre sechs Angestellten einiges in die Kommunikation investieren. „Zum Beispiel ist jemand von uns mindestens ein halber Tag in der Woche mit der Kommunikation über Facebook und Instagram beschäftigt. Wir wollen unsere Kunden regelmässig informieren, was bei uns läuft und welche Mehrwerte wir bieten.“ Die Vermarktung sei ein harter Job, aber gerade aus der Gastronomie gäbe es viele ermutigende Rückmeldungen. „Die Zusammenarbeit mit Gastronomen hat uns einiges gebracht, zum Beispiel die Gewissheit, dass es zwischen einer Pastmilch aus einem Bio-Vollweidebetrieb und einer UHT-Milch aus dem Tetra Pak riesige geschmackliche Unterschiede gibt. Von diesen Erfahrungen können wir auch unseren anderen Kunden berichten.“

Trotz Warteliste und zusätzlichem Direktvermarktungsaufwand: Bereut hat Stefan Krähenbühl den Schritt in den Biolandbau und die Direktvermarktung bisher nicht. „Als Landwirt darf man sich weder auf den Markt noch auf die Politik verlassen, sondern muss sich auf das Wahrscheinliche vorbereiten“, ist er überzeugt. Es sei auch sinnlos, nun die Konsumenten anzuschwärzen, dass sie grün wählen, aber dann nicht Bio kaufen. „Unsere Aufgabe ist es, denn Konsumenten für unsere Lebensmittel zu begeistern.“

Auf der Durststrecke den Mut behalten

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