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Junghähne im Junghennenstall

Um sich als Alternative zum Kükentöten etablieren zu können, muss die Bruderhahnmast wirtschaftlicher werden. Ob und wie das geht, soll eine Praxisstudie mit 4000er-Ställen zeigen.
Die Bruderhähne auf dem Hof der Familie Donat entwickeln sich gut. Im Hintergrund: Schlechtwetterauslauf und Weide

Es ist eine Premiere für Dominik und Ruedi Donat. Und ein Experiment. In ihrem Aufzuchtstall auf dem Bollhof im aargauischen Wohlen tummeln sich für einmal keine Junghennen, sondern Junghähne. Insgesamt 4000 an der Zahl. Bei den 46 Tage alten Tieren handelt es sich um die Brüder von Hennen
der Rasse Brown Nick. Ein leistungsfähiger Legehybrid, gezüchtet für die Eierproduktion. Nun ist es nicht so, dass Sohn Dominik und Vater Ruedi, die ihren Knospe-Hof als Generationengemeinschaft
führen, sich dazu entschieden hätten, auf die Bruderhahnmast umzusatteln. Junghennen, sagen sie,
seien seit Jahren stark gesucht, Aufzuchten gebe es wenig. Es sei nicht geplant, das aufzugeben. Vielmehr haben sich die beiden Meisterlandwirte dazu entschlossen, ihren 2016 gebauten Stall für eine Praxisstudie zur Verfügung zu stellen. «Wir wurden letztes Jahr angefragt, ob wir bereit wären, einen Umtrieb mit 4000 Bruderhähnen zu machen. Wir sagten zu», erzählt Dominik Donat. Wobei der 28-Jährige zugibt, dass dies nicht aus rein ideellen Gründen geschah. 

Denn obschon beide die Bruderhahnmast als Alternative zum Töten männlicher Küken von Legerassen eine gute Sache finden, haben auch wirtschaftliche Überlegungen mitgespielt. «Wir machen pro Jahr zwei bis zweieinhalb Umtriebe mit Junghennen. Die Aufzucht dauert jeweils 18 Wochen. Da 2020 besonders eng gestaffelt war, standen wir vor einer längeren Leerzeit», sagt Dominik Donat. Die Frage sei also gewesen: «Lassen wir den Stall leer und verdienen gar nichts oder machen wir mit?»

Ziel ist ein Richtpreis für Bruderhähne
Roman Clavadetscher
Das Ganze angestossen haben die Schweizer Bioeiervermarkterin Hosberg mit ihrer Brüterei Bibro sowie die Biogeflügelverarbeiterin Gallina, die je zur Hälfte Hosberg und dem Biolandwirt Roman Clavadetscher gehört. «Ich habe zusammen mit Hosberg vor zehn Jahren mit der Aufzucht von Bruderhähnen begonnen», sagt Roman Clavadetscher. Daraus entstand das Programm «Henne & Hahn». Der Tenor war klar: Die Küken kurz nach dem Schlupf zu töten, das könne es nicht sein! «Man muss sich bewusst sein, dass das Bioei von allen Bioprodukten den höchsten Marktanteil besitzt und deshalb ein Imageträger für die ganze Biobranche ist.» Viele Eier bedeuteten viele männliche Küken. Diese quasi wegzuwerfen, widerspreche dem Biogedanken. Bis vor Kurzem wurden Bruderhähne ausschliesslich in 500er-Einheiten auf Mastbetrieben gehalten. Es galten die Weisungen von Bio Suisse zum Mastgeflügel. Weisungen zu Junghähnen aus Legelinien gibt es erst seit letztem Jahr. Sie orientieren sich an der Junghennenaufzucht und erlauben einen Besatz von bis zu 4000 Junghähnen pro Stalleinheit. «Das erlaubt uns erstmals, Erfahrungen und Daten zur Wirtschaftlichkeit der Bruderhahnmast im Grossmassstab zu gewinnen und diese zu vergleichen», sagt Roman Clavadetscher.

Die Praxisstudie inkludiere deshalb nebst dem Bollhof der Familie Donat drei weitere 4000er- sowie sieben 500er-Ställe (zwei davon Demeter). «Unser Ziel ist es, mithilfe der Daten eine Kalkulation zu erstellen und – analog zu den Bioeiern und Biojunghennen – daraus einen Richtpreis abzuleiten, der
die Bruderhahnmast künftig lohnenswert macht.» Ob die Mast mit Legehybriden, Zweinutzungshühnern oder alten Rassen erfolgen soll, will Roman Clavadetscher den Produzentinnen
und Produzenten überlassen. Wichtiger sei, jetzt vorwärts zu machen, denn: «Die Konventionellen setzen auf In-ovo-Verfahren, und die werden vermutlich in den nächsten zwei Jahren
umgesetzt.» 

Ruedi Donat sieht das genauso: «Die Diskussion muss jetzt intensiv geführt werden. Wenn die Konventionellen vor uns eine Lösung finden, sind wir auf einmal im Hintertreffen», sagt der 63-Jährige. In seinen Augen wäre es jedoch sinnvoller, wenn sich Pouletmastbetriebe auf die Bruderhahnmast ausrichteten. Idealerweise könnten Konventionelle, die auf Bio umstellen und bereits über eine Pouletmasthalle verfügen, hier einsteigen. Mit einem Junghennenstall wie dem ihren sei es dagegen schwieriger, Junghähne aufzuziehen und damit Geld zu verdienen, sagt er. Sohn Dominik pflichtet ihm bei. Nicht zuletzt, weil die Weisungen zur Junghahnmast strenger sind als jene zur Junghennenaufzucht, auf denen sie basieren.

Schlechtwetterauslauf ab 100 Junghähnen Pflicht
Die schwierigste Anforderung, sagt Dominik Donat, sei wohl der ungedeckte Schlechtwetterauslauf. Auf dem Bollhof ist das ein rechteckiger, dick mit Holzschnitzeln ausgelegter Platz. Er dient dazu, dass sich die Tiere auch dann unter freiem Himmel bewegen können, wenn der Weideboden durchnässt ist oder Vegetationsruhe herrscht. «Ein solcher Auslauf ist ab 100 Junghähnen obligatorisch. Zudem muss er entwässert sein, sprich: betoniert und mit Abfluss ins Gülleloch ausgestattet», sagt Dominik Donat. In der Junghennenaufzucht sei ein Schlechtwetterauslauf keine Pflicht. Bei Legehennen zwar schon, aber erst ab 500 Tieren und ohne Entwässerung. Kurzum, wer aus dem Eiergeschäft komme und auf Bruderhähne umsteigen wolle, müsse zuerst viel Geld investieren. 

Ein weiterer Punkt ist die Weide. «Wir können unsere 45 Aren grosse Weide so oft mit Junghennen belegen, wie wir wollen. Dazu gibt es keine Einschränkung», sagt Dominik Donat. Bei den Junghähnen sehe es anders aus. Tatsächlich schreiben die Weisungen vor, dass dieselbe Weidefläche maximal zweimal pro Jahr mit Geflügel belegt werden darf. Dazwischen muss eine Pause von mindestens 12 Wochen liegen. Rund 12 Wochen oder 88 Tage dauert zudem die Mast der Bruderhähne auf dem Bollhof. Jetzt müsse man das mal ausrechnen, sagt Dominik Donat. «Pro Güggel brauchst du mindestens einen Quadratmeter Weidefläche. Bei 4000 Tieren macht das also 40 Aren. Damit könnten wir auf unserem Hof maximal zwei Umtriebe pro Jahr machen.» Bei einem Nischenprodukt wie dem Bruderhahn rentiere das derzeit nicht.

Generationengemeinschaft: Bio-Landwirte Ruedi und Dominik Donat vom Bollhof, Wohlen

Für den Biolandbau der ethisch beste Weg
Ebenfalls ein Kostenfaktor ist das Futter, das von der Firma Alb. Lehmann Biofutter speziell für die Bruderhahnmast entwickelt wurde. «Unsere 4000 Brown-Nick-Junghähne werden bis zum Ende der Mast rund 18 Tonnen Futter gefressen haben», sagt Dominik Donat. Vater Ruedi fügt an: «Mastpoulets
brauchen deutlich weniger und setzen mehr Fleisch an.» Der Ressourcenverbrauch sei im Vergleich zur Pouletmast also höher. Ihre Junghähne jedoch, und das sei sehr erfreulich, entwickelten sich überdurchschnittlich und hätten merklich höhere Tageszunahmen als ursprünglich erwartet. Das Konzept Bruderhahn an sich finden die beiden Biolandwirte grundsätzlich richtig. «Für den Biolandbau ist das der ethisch beste Weg; und für die Eierbranche mit ihrem Kükentöten-Problem wohl am einfachsten umzusetzen», sagt Dominik Donat. Was die Finanzierung betrifft, so werden bereits
heute auf Eier des Bruderhahn-Programms «Henne & Hahn» jeweils vier Rappen draufgeschlagen. Vater Ruedi ist derweil überzeugt, dass auch die Weisungen zur Junghahnmast nochmals überdacht werden müssen. Beide wollen die Entwicklung aber auf jeden Fall im Auge behalten. Eines Tages einen zweiten Stall nur für die Bruderhahnmast zu bauen, möchten sie nicht ausschliessen. «Bis wir aber darüber entscheiden können, wird noch viel Wasser die Bünz hinunterfliessen», sagt
Ruedi Donat. 

Text und Bilder: René Schulte, publiziert in Bioaktuell, das Magazin der Biobewegung, Ausgabe 3 / 2021.




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